Stellungnahme

Stellungnahme zum Artikel „Ausgaben für Kultur im Vergleich“ sowie dem dazugehörigen Kommentar vom 17.12.2025 im Wiesbadener Kurier

Wiesbaden, 18.12.2025

Sehr geehrte Frau Lamparth,

nach der Rückkehr von meiner privat finanzierten Kunst- und Kulturreise aus Paris war ich doch sehr überrascht, exground filmfest und meinen Namen am 17.12.2025 im Wiesbadener Kurier in einem Artikel und Kommentar von Ihnen zu lesen.

Meine spontane Reaktion war: „schlechte Presse = Presse – also überhaupt erst einmal gut, erwähnt zu werden“. Allerdings kehrte sich diese spontane Reaktion leider sehr schnell in ihr Gegenteil um.

Zuerst möchte ich auf Ihren Kommentar eingehen, in dem Sie leider mit unzutreffenden Fakten argumentieren:

  1. Das Budget von exground filmfest im Jahr 2025 belief sich auf 451.663,00 EUR. Wie Sie angesichts dieser Summe dazu kommen, in Ihrem Kommentar zu schreiben, dass der Zuschuss der Landeshauptstadt Wiesbaden von 170.000,00 EUR den Hauptteil des Festivalbudgets getragen hat, erschließt sich mir nicht.
  • Was verstehen Sie unter Vollversorgung? Eine Entlohnung der Beschäftigten in der freien Kulturszene mit einem adäquaten Gehalt? Das wäre schön. Die Realität ist eine andere! Da Sie in Ihrem Kommentar in diesem Zusammenhang ausdrücklich unser Festival nennen, eine kurze Erläuterung: die vierköpfige Organisationsleitung von exground filmfest erhält jeweils eine jährliche Aufwandsentschädigung in Höhe der Übungsleiterpauschale; unsere zwei Angestellten im Büro haben jeweils eine halbe Stelle und erhalten eine monatliche Bruttovergütung in Höhe von 2.100 EUR. Unsere Honorarkräfte in den Bereichen Grafik, Kopiendisposition, Gästebetreuung, Pressekoordination und Kuration werden im Rahmen unserer Möglichkeiten nach Rechnungsstellung bezahlt. Weitere Helfende arbeiten auf Ehrenamtspauschale oder als Mini- und Midijobbende. Und, wohlgemerkt: Mit diesen Arbeitsbedingungen steht unser Festival in der freien Kulturszene noch relativ „gut“ da! Vor diesem Hintergrund ist Ihr Vorwurf einer Vollversorgungsmentalität ein Schlag ins Gesicht ALLER, die in der freien Kulturszene tätig sind.
  • Zudem würde mich sehr interessieren, wie Sie dazu kommen, der freien Kulturszene eine Notstandsbehauptung zu unterstellen. Dazu noch einmal zurück zur Arithmetik: 3.000 EUR mehr für das Projekt exground filmfest im Jahr 2026 wären ein Plus von 1,8 % gegenüber dem städtischen Zuschuss im Jahr 2025. Das reicht noch nicht einmal aus, die Teuerungsrate auszugleichen!
  • In diesem Zusammenhang zitiere ich aus meiner Eröffnungsrede vom 14.11.2025 anlässlich der Eröffnung von exground filmfest 38. „Nächste Woche entscheidet die Stadtverordnetenversammlung über den Haushalt für 2026.  Bei den institutionellen Zuschüssen sollen 235.000 EUR zugesetzt werden – leider nur ein Drittel der Summe, die die Jury empfohlen hatte –, verteilt auf viele Institutionen. Bei uns wären das dann etwas über 3.000 EUR mehr im nächsten Jahr. Im Jahr 2025 wurden 80 % der Juryempfehlungen aus dem Jahr 2024 zugesetzt. 2024 gar nichts.

Zur Erklärung für einige hier im Saal: Wir haben in der Landeshauptstadt Wiesbaden seit einigen Jahren einen Kulturentwicklungsplan, und eine Jury spricht Empfehlungen für die Zuschüsse der Institutionen aus der freien Szene aus. Die Stadtverordnetenversammlung hat den Kulturentwicklungsplan zwar beschlossen, aber umgesetzt wird davon leider viel zu wenig. Und Kultur gibt es nicht umsonst, sie kostet nun mal GELD! Einen Appell an die hier anwesenden Stadtpolitiker und Stadtpolitikerinnen, mehr Geld für die Kultur anzusetzen, erspare ich mir, da der Haushalt ja bereits beschlossen scheint.“

  • Die Logline Ihres Kommentars: „Mehr Kulturförderung, aber auch mehr Anspruchshaltung“ kann ich nur unterstreichen: Wer etwas leistet, darf auch eine Anspruchshaltung haben!
  • Angesichts der vielfach unzutreffenden Fakten und Zahlen, ausdrücklich auch zu unserem Festival, hätte ich mir gewünscht, dass Sie sich vorab mit mir in Verbindung gesetzt hätten, um sich ein objektives Bild von der finanziellen Lage von exground filmfest, und damit auch stellvertretend der freien Kulturszene, zu machen.

Und nun noch kurz einige Anmerkungen zu Ihrem Artikel:

  1. Herr Schäfer bezieht sich in seiner Studie weitgehend auf die Zahlen aus den Kulturfinanzberichten, die zweijährig von den Statistischen Ämtern des Bundes und der Länder herausgegeben werden.
  • In den Kulturfinanzberichten kommt Film, Fotografie und elektronisches Bild (diesen Bereich vertrete ich im Kulturbeirat) überhaupt nicht vor. Und auch der Posten für Heimat- und Kulturpflege lässt sich dafür in der Studie für Wiesbaden nicht in vollem Umfang heranziehen.
  • Damit hinkt auch Ihr Vergleich der Pressemitteilung des Arbeitskreises Stadtkultur zum städtischen Haushalt 2026 mit der Studie von Sebastian Schäfer. Meines Erachtens wäre es weit sinnvoller, Sie würden sich bei weiteren Berichterstattungen an den Zahlen des Kulturamtes der Landeshauptstadt Wiesbaden orientieren.
  • Last but not least will ich bei der Diskussion um die städtischen Kulturausgaben daran erinnern, dass wir einen Kulturentwicklungsplan haben, den die Stadtverordneten selbst beschlossen haben. Er ist auf der Homepage der Landeshauptstadt Wiesbaden abrufbar – und enthält alle Empfehlungen der Kommission zu den projektierten Erhöhungen in der freien Kulturszene.

Freundliche Grüße

Andrea Wink

Vorstand Wiesbadener Kinofestival e.V.

PS: Der offene Brief geht auch an den Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende, den Kulturdezernenten Hendrik Schmehl, den Kulturamtsleiter Jörg-Uwe Funk, den Kulturbeirat und an die demokratischen Fraktionen im Rathaus.