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Udo Kier in BACURAU

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Pressemitteilung
18.10.2019

Fokus Brasilien @ exground filmfest 32: Energetisches & politisches Kino für neugierige Augen

23 aktuelle und historische Filme // Panel zur Lage der Menschenrechte und des Gegenwartskinos // Foto- und Videokunstausstellung

Mit elf Lang- und zwölf Kurzfilmen, darunter etliche Premieren, gewährt das diesjährige Fokusprogramm von exground filmfest einen Einblick in das umfangreiche Filmschaffen Brasiliens. Zu sehen sind ein historischer Langfilm von Glauber Rocha sowie aktuelle Produktionen von preisgekrönten Regisseuren wie Kleber Mendonça Filho, Juliano Dornelles und Karim Aïnouz und spannende Filme von vielversprechenden Talenten der brasilianischen Filmszene. Daneben unternimmt eine von Carsten Spicher (Internationale Kurzfilmtage Oberhausen) kuratierte Kurzfilmreihe eine historische Zeitreise durch die soziale und politische Situation des Landes. Rahmenveranstaltungen wie eine Foto- und Videokunstausstellung sowie hochkarätig besetzte Panel zur Lage der Menschenrechte, Umweltpolitik und des Gegenwartskinos unter Präsident Jair Bolsonaro runden das Fokusprogramm ab. Traditionell laufen einige Filme des Fokusprogramms im Nachspiel in Frankfurt am Main und Darmstadt.

„Besonders interessant ist der Fokus als Momentaufnahme vor einschneidenden gesellschaftlichen und kulturpolitischen Umwälzungen, die – ausgelöst durch den Amtsantritt Jair Bolsonaros im Januar 2019 – das brasilianische Kino grundlegend beeinflussen dürften“, erklärt Kurator Amos Borchert die Wahl des diesjährigen Länderschwerpunktes. „Darüber hinaus zeigen wir mit unserer Auswahl von mutigen Spielarten des Genrekinos und großer Filmkunst die cineastische Bandbreite dieses besonderen Filmlandes.“

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Frauen hinter der Kamera: Positionen zu Transidentität, weiblicher Solidarität und Feminismus

Etliche Geschichten im diesjährigen Fokusprogramm sind aus Sicht von Regisseurinnen und Kamerafrauen erzählt: So entwirft Brunna Laboissière in ihrem ersten abendfüllenden Dokumentarfilm FABIANA ein wortwitziges und bittersüßes Porträt über die titelgebende Protagonistin. Die Transfrau und Truckerin fährt seit 30 Jahren einen 30-Tonner durchs Land. Bei aller Abgebrühtheit scheint Fabianas Leidenschaft für die diversen Begegnungen auf ihren Reisen durch. Die Regisseurin und Kamerafrau Brunna Laboissière, die auch Mitglied der Internationalen Jury ist, wird zur Deutschlandpremiere ihres Films in Wiesbaden anwesend sein.

Für die präzise Bildkomposition in Karim Aïnouz’ DIE SEHNSUCHT DER SCHWESTERN GUSMÃO (A VIDA INVISÍVEL DE EURÍDICE GUSMÃO) zeichnet die vielfach preisgekrönte Hélène Louvart verantwortlich. Louvarts Kamera taucht dieses Drama um zwei Schwestern im Rio de Janeiro der 1950er-Jahre in eine sinnliche und farbenprächtige Atmosphäre.

Um weibliche Solidarität geht es in der feministischen Doku-Fiction BARONESA von Juliana Antunes, die ihren Film bei exground filmfest persönlich vorstellen wird. Sie begleitet zwei befreundete Frauen in den Favelas um Belo Horizonte bei ihrem von Gewalt bestimmten Alltag, wie sie scherzen, über Sex sprechen und der Hitze ein Schnippchen schlagen.


Selbstbewusste Spielarten des Genrekinos

Einen weiteren Schwerpunkt im Fokusprogramm markieren selbstbewusste Spielarten des Genrekinos, wie der exground-Eröffnungsfilm THE FATHER’S SHADOW (A SOMBRA DO PAI) von Gabriela Amaral Almeida. Nachdem ihre Mutter gestorben ist, beschließt die neunjährige Dalva, inspiriert durch unzählige Horrorfilme, dem Tod die Stirn zu bieten. Der Regisseurin gelingt ein psychologisch ausgefeiltes Familienmelodram, durchzogen von Fantasy und Horror.

Die Grenzen zwischen Magie und Realität verschwimmen in THE DEAD AND THE OTHERS (CHUVA É CANTORIA NA ALDEIA DOS MORTOS) von João Salaviza und Renée Nader. Der junge Ihjãc flieht vor seinem vermeintlich vorgezeichneten Lebensweg als Schamane aus seinem Dorf im Regenwald in die Provinzstadt. Auf 16 mm gedreht, entfaltet der Film seinen Zauber nicht nur durch die zurückhaltende, semi-dokumentarische Erzählweise, sondern auch durch Farben, Stimmungen und Motive.

Die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen auch in CALYPSO von Rodrigo Lima und Lucas Parente. In assoziativen Bildern nimmt CALYPSO Bezug auf die reale Person Luz del Fuego (1917–1967), Schauspielerin, Schlangentänzerin und Begründerin des ersten Freikörperklubs in Brasilien. Die Regisseure verweben Archivmaterial dieser modernen, feministischen „Hexe“ mit intensiven Naturaufnahmen, performativen Elementen und einem atemberaubenden Sounddesign. Rodrigo Lima wird zur Deutschlandpremiere seines Films in Wiesbaden anwesend sein. 

Einen unerwarteten Genrebogen zwischen Science-Fiction und Western schlagen Kleber Mendonça Filho und Juliano Dornelles in ihrem preisgekrönten Werk BACURAU. Darin müssen sich die Bewohner des gleichnamigen Dorfes damit auseinandersetzen, dass sie zu Freiwild für eine Gruppe amerikanischer Touristen erklärt wurden. In ihrem unberechenbaren Film warnen die Regisseure eindringlich vor der ultrarechten, unmenschlichen Politik Brasiliens.


Hochaktuelle Politparabeln

Neben BACURAU setzen sich weitere Filme im Fokusprogramm mit den Auswirkungen von Faschismus, Diktatur, Korruption und Umweltzerstörung auseinander und können als Parabeln auf die aktuelle politische Situation Brasiliens unter Präsident Jair Bolsonaro gelesen werden: Tiago Mata Machado liefert mit THE SLEEPWALKERS (OS SONÂMBULOS) eine kafkaeske Politparabel über Faschismus, Widerstand und Freiheit. THE SLEEPWALKERS wird bei exground filmfest als Deutschlandpremiere gezeigt.

Ein historisches Dokument aus Brasiliens Zeit der Militärdiktatur präsentiert exground filmfest mit ENTRANCED EARTH (TERRA EM TRANSE) von Glauber Rocha, einem führenden Vertreter der brasilianischen Cinema-Novo-Bewegung. Der 1967 veröffentlichte Film entspinnt im fiktiven Land Eldorado seine Geschichte um den Dichter und Intellektuellen Paulo, der sich verschiedenen politischen Führern andient und am Ende sein Leben lässt. Der vielfach preisgekrönte Film überzeugt mit bestechend geschriebenen Dialogen und opulenter Ausstattung.


Kurzfilme im Fokusprogramm: Streifzüge durch Aktuelles und Historisches

Die soziale und politische Situation in Brasilien ab 1985 mit Blick auf die brutale Militärdiktatur, den schwierigen Übergang zur Demokratie und die Demokratisierung der Medien im Land thematisieren die fünf Kurzfilme im Programm DIE BRASILIANISCHE ERFAHRUNG, kuratiert von Carsten Spicher (Internationale Kurzfilmtage Oberhausen).

Zeitgenössische brasilianische Kurzfilme von großer formalästhetischer und inhaltlicher Vielfalt kommen in der Reihe FRAGILE TRÄUME zur Aufführung: dokumentarisches Musical, poetischer Experimentalfilm, engagiertes Protestwerk, farbenfrohe Tragikomödie und fantasievoller Animationsfilm.

Fokus-Rahmenprogramm: Gesellschaftspolitik und Kunst in Brasilien 

Im Rahmenprogramm befassen sich zwei Panel mit den verheerenden Auswirkungen der aktuellen Präsidentschaft Bolsonaros: Unter dem Titel RAUBZUG NACH AMAZONIEN wird der gleichnamige Dokumentarfilm von Martin Keßler gezeigt, der sich mit dem Kampf der indigenen Bevölkerung gegen die Vernichtung des Regenwaldes beschäftigt. Im Anschluss diskutiert der Regisseur mit Journalist Wolfgang Kunath und Völkerrechtsexperte Dr. Lothar Brock.

Im Panel DER BRASILIANISCHE FILM IM UMBRUCH?! PERSPEKTIVEN AUF DAS GEGENWÄRTIGE KINO erörtern Filmemacherin Brunna Laboissière (FABIANA) sowie Kurator und Verleiher Daniel Queiroz unter der Moderation des Lateinamerika-Experten Dr. Peter W. Schulze die derzeitige Situation des brasilianischen Kinos.

Zwei Kunstausstellungen geben Einblicke in die brasilianische Gesellschaft: In der Fotoausstellung BRASILIEN – FOTOGRAFIEN VON ANJA KESSLER zeigt die Fotografin ihren eigenen Blick auf Brasilien und seine Bevölkerung abseits bekannter Klischees. Im Nassauischen Kunstverein wird die Videoarbeit O PEIXE (DER FISCH) von Jonathas de Andrade zu sehen sein – über ein Ritual in einem Dorf an der Nordostküste Brasiliens, bei dem Fischer den zuvor gefangenen Fisch umarmen.


Das komplette exground-Programm ist ab dem 28. Oktober 2019 auf www.exground.com zu sehen.


exground filmfest dankt allen Förderern und Sponsoren.


ENDE DER PRESSEMITTEILUNG

Pressekontakt

( ( ( NOISE Film PR ) ) )

Dagny Kleber
+49 (0) 171 – 402 48 03
exground@noisefilmpr.com