PM: Fokus Philippinen @ exground filmfest


Pressemitteilung
31.10.2018

Fokus Philippinen bei exground filmfest 31: Traditionsreiche Filmkunst trifft Regimekritik

21 Filme & 12 Premieren // Panel & Ausstellungen // Zahlreiche Gäste

Die insgesamt 21 Lang- und Kurzfilme, darunter je sechs Europa- und Deutschlandpremieren, im diesjährigen Fokusprogramm von exground filmfest gewähren einen Einblick in das traditionsreiche philippinische Film- und Kulturschaffen und dokumentieren die aktuellen gesellschaftspolitischen Diskurse des Landes abseits des offiziell propagierten staatlichen Selbstverständnisses. Zu sehen sind Werke international gefeierter Regisseure wie Lav Diaz, Khavn De La Cruz und Jet Leyco sowie die von aufstrebenden Regietalenten, allesamt mit englischen und deutschen Untertiteln. Einige Filme laufen darüber hinaus im Nachspiel in Frankfurt am Main und Darmstadt. Einen breiteren Diskussionsrahmen zur kulturellen und politischen Entwicklung des südostasiatischen Inselstaates bieten zwei Ausstellungen sowie zwei hochkarätig besetzte Panel und ein Vortrag zu den Themen 100 Jahre philippinisches Filmschaffen und die Lage der Menschenrechte.

Programm Fokus Philippinen

Mithilfe unseres Mitarbeiters auf den Philippinen, dem Kurator Axel Estein, entdeckt das exground filmfest jene künstlerisch und gesellschaftspolitisch bemerkenswerten Beiträge, die mutig Stellung beziehen zu aktuellen Themen wie Zensur, Unterdrückung und Korruption“, erklärt Andrea Wink vom Festival-Organisationsteam. „Unser besonderer Dank gilt dem Kulturfonds Frankfurt RheinMain sowie der National Commission for Culture and the Arts (NCCA) und der Film Development Commission of the Philippines (FDCP), deren Unterstützung den Länderschwerpunkt Philippinen überhaupt erst möglich gemacht haben.

Abrechnung mit Dutertes Regime und die Lage der Menschenrechte

Gleich mehrere Filme des Programms setzen sich mit der brutalen Anti-Drogen-Politik von Präsident Rodrigo Duterte auseinander, in der angeheuerte Killer für die Ermordung von Drogenverdächtigen bezahlt werden. Im Eröffnungsfilm NEOMANILA von Mikhail Red wird der junge Waise Toto von solchen Auftragskillern unter die Fittiche genommen, während sich die Protagonistin aus DARK IS THE NIGHT (MADILIM ANG GABI) von Adolfo Boringa Alix Jr. als ehemalige Dealerin auf einer Todesliste wiederfindet, verkündet vom Polizeipräsidenten von Manila. Auch die junge Polizeibeamtin in Erik Mattis Actionspektakel BUYBUST wird mit einem schonungslosen Drogenkrieg konfrontiert, der auf erschreckende Art und Weise die aktuellen gesellschaftlichen Verhältnisse unter Präsident Duterte widerspiegelt. Diese sind auch Thema in RESPETO von Alberto „Treb“ Monteras II, der im Jugendprogramm von exground filmfest, den youth days, läuft. Hendrix (verkörpert durch den Hip-Hop-Star Abra) träumt davon, als Rapper die Pandacan-Slums von Manila und das alltägliche Klima aus Unterdrückung, Willkür und beispielloser Gewalt zu verlassen.

Die besorgniserregende Situation unter der Regierung von Rodrigo Duterte in Bezug auf die Lage der Menschenrechte ist außerdem Gegenstand zweier Veranstaltungen im Rahmenprogramm von exground filmfest. Dr. Jochen Range, Philippinen-Experte bei Amnesty International, berichtet im Vortrag MENSCHENRECHTSLAGE AUF DEN PHILIPPINEN über die Folgen einer Politik, die von Gewalt, Willkür und Korruption geprägt ist. Auf dem Panel HUMAN RIGHTS PHILIPPINEN diskutieren die Gäste über ihre Erfahrungen und Aufarbeitung der Thematik: Der Fotojournalist Raffy Lerma dokumentiert mit seinen Arbeiten die Auswirkungen von Dutertes gewaltsamer Antidrogenpolitik. Die Regisseurin und Aktivistin Kiri Dalena kämpft auf den Philippinen für Menschenrechte inmitten staatlicher Verfolgung und Korruption. Sie zeigt das Leid in ihrem bewegenden Kurzfilm FROM THE DARK DEPTHS, der im Fokus-Kurzfilmprogramm zu sehen ist, in poetischen Bildern. Rosa Cordillera A. Castillo, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Asien- und Afrikawissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin, hebt die Diskussion in einen wissenschaftlichen Rahmen.

Raffy Lerma, Kiri Dalena sowie eine weitere philippinische Künstlerin, Martha Atienza, reflektieren darüber hinaus in Video- und Fotoarbeiten die politische und soziale Lage in ihrer Heimat in der Ausstellung PARADISE LOST, die der Nassauische Kunstverein anlässlich des exground-Länderschwerpunktes Philippinen vom 9. November bis 6. Dezember zeigt.

Großmeister und 100 Jahre philippinisches Filmschaffen

Im Rahmen des diesjährigen Fokus wagt exground filmfest den filmischen Blick in die Vergangenheit mit einer Reihe von Filmen, die historische Themen ansprechen bzw. selbst Meilensteine der Filmgeschichte geworden sind. Das über 100-jährige philippinische Filmschaffen kann nicht ohne dessen prominentesten Vertreter betrachtet werden: Lav Diaz. Bekannt und berüchtigt für seine Werke von epischer Länge, schafft Diaz ein ästhetisch kompromissloses Kino und wirft einen unnachgiebigen Blick auf Vergangenheit und Gegenwart der Philippinen. Im Programm von exground filmfest läuft sein letzter Film, die knapp vierstündige Rockoper ANG PANAHON NG HALIMAW (SEASON OF THE DEVIL, 2018) über Unterdrückung und Opposition während der Marcos-Diktatur.

Mit der Besatzung und Kolonisierung der Philippinen durch die USA greift Khavn Dela Cruz in BALANGIGA: HOWLING WILDERNESS (2017) eine weitere dunkle Seite der philippinischen Geschichte auf. Multitalent Dela Cruz hat nicht nur bei mehr als 150 Filmen Regie geführt, sondern auch 23 Alben komponiert und sieben Bücher geschrieben.

Ein weiterer Filmemacher der Extraklasse ist Ishmael Bernal (1938–1996), dessen Klassiker von 1982, MIRACLE (HIMALA) über Folgen einer angeblichen Marienerscheinung in einem kleinen Dorf im exground-Fokusprogramm zu sehen ist. Bemerkenswert ist diese mutige Gegenhaltung zu Religion vor dem Hintergrund des vorherrschenden Katholizismus auf den Philippinen.

Ebenfalls ein Meilenstein der philippinischen Filmgeschichte wird mit Raymond Reds MANILA SKIES (HIMPAPAWID) präsentiert. Basierend auf einer wahren Geschichte, steht im Mittelpunkt der Story ein Überfall, der in einem blutigen Desaster und einem irrsinnigen Fluchtplan mündet. Star dieses Draufgänger-Actionkinos ist jedoch Reds unvergleichliche Kamera- und Schnittarbeit, die selbst die banalsten Details in einen umwerfenden, poetischen Bilderfluss transformieren.

Das Panel 100 JAHRE PHILIPPINISCHE FILMGESCHICHTE beschäftigt sich mit Problemen in der Geschichte des philippinischen Kinos, das rund 80 % seines Bestands unwiederbringlich verloren hat. Die Panelteilnehmer Raymond Red (Filmemacher) Edward Cabagnot (Cultural Center of the Philippines) und Teddy Co (National Commission for Culture and the Arts) diskutieren u.a. darüber, wie die Gestaltung einer Nation unter der ständigen Bedrohung von Kultur- und Identitätsverlust gelingen kann.

Gäste zum Fokusprogramm

Um den Zugang zu den Werken der philippinischen Filmkultur zu erleichtern, werden neben den eingeladenen Panelgästen zahlreiche Regisseur*innen zum exground filmfest kommen und ihre Werke den Zuschauer*innen persönlich vorstellen. Darunter etwa der Regisseur des Eröffnungsfilms NEOMANILA, Mikhail Red sowie sein Vater, Raymond Red, der Pionier des alternativen philippinischen Kinos. Raymond Red wird bei exground außerdem seinen Klassiker MANILA SKIES (HIMPAPAWID) sowie zwei seiner Kurzfilme, darunter der mit der Palm d’Or ausgezeichnete SHADOWS (ANINO) von 2000 präsentieren und auf dem Panel 100 JAHRE PHILIPPINISCHE FILMGESCHICHTE mit diskutieren. Ebenfalls zum Festival kommt der international gefeierte Jet Leyco mit seinem Drama TOWN IN A LAKE (MATANGTUBIG), der sein Handwerk von den Meistern des Fachs, Khavn De La Cruz und Lav Diaz lernte.

exground filmfest dankt allen Förderern und Sponsoren.